Praxisbericht

Falldokumention

11.08.22

Regeneration nach Replantation

Vorbehandlungskonzept bei einem nicht erhaltungswürdigen Frontzahn

Regeneration, Replantation, Sofortimplantation, Sofortversorgung

Dr. Stephanie Wirnharter MSc

Eine Sofortimplantation mit Sofortversorgung ist eine gute Methode, um Strukturen zu erhalten, die letztendlich ein ästhetisches Ergebnis ermöglichen [1]. Manchmal sind die klinischen Gegebenheiten jedoch nicht optimal. Dr. Stephanie Wirnharter stellt ihr Konzept vor, wie man eine desolate Ausgangssituation in ein stabiles Implantatbett überführt. Die anschließende Implantation kann somit ohne Probleme sofort versorgt werden.

Eine 19-jährige Patientin zeigte zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in unserer Praxis einen deutlich verfärbten Zahn 11, der im vestibulären Anteil mit einer weißen Kunst‧stofffüllung kaschiert worden war (Abb. 1). Nach einem Trauma in der Kindheit war der Zahn alio loco wurzelbehandelt und einige Zeit später auch wiederholt apikal reseziert worden. Ansonsten war die Patientin allgemeinmedizinisch unauffällig und rauchte nicht.

Befund und Diagnose

  • Die Patientin hatte eine hohe Lachlinie und die mittleren Schneidezähne im Oberkiefer standen in Schmetterlingsstellung.
  • Der Perkussionstest an Zahn 11 war negativ und die Patientin hatte keine Schmerzen.
  • Röntgenologisch zeigte sich am Neo‧apex eine Radiotransluzenz mit einem Durchmesser von circa 1 cm als Abbild einer chronischen apikalen Ostitis (Abb. 2).
  • Aufgrund der multiplen Voroperationen war das Weichgewebe bereits stark vernarbt und es lag ein massiver Knochendefekt vor.
  • Nach eingehender Diagnostik wurde der kompromittierte Zahn als nicht erhaltungswürdig eingestuft.

Behandlungsplanung
Entsprechend der medizinischen Behandlungsnotwendigkeit und dem Wunsch der Patientin, eine verbesserte Ästhetik zu erzielen, wurden verschiedene Therapie‧optionen besprochen. Aufgrund der gesunden Nachbarzähne wurde in Abstimmung mit der Patientin entschieden, den Zahn 11 durch eine implantatgetragene Krone zu ersetzen. Das Behandlungsziel war somit klar definiert, zunächst musste jedoch der Knochen ausheilen. Dies sollte durch eine Extraktion und Säuberung mit anschließender Replantation geschehen. Nach Ausheilung der knöchernen Strukturen war eine Sofortimplantation mit Sofortversorgung geplant.

Nachgefragt:
Klappt die Methode Extraktion – Replantation zur Knochenregeneration immer?
Vorsichtig muss man bei der Kürzung sein. Kürzt man die Wurzel zu stark, bekommt der Zahn zu viel Mobilität und die vestibuläre Lamelle baut sich ab. Kürzt man zu wenig, erschwert es die Extraktion vor der Implantation und man hat quantitativ weniger regenerierten Knochen für die Primärstabilität.

Therapie
Extraktion – Replantation
Zunächst wurde der Zahn 11 atraumatisch extrahiert. Extraoral erfolgte die deutliche Resektion mit retrogradem Verschluss mit Super EBA (Bosworth/Keystone). Die Alveole wurde penibel vom Granulationsgewebe befreit. Es zeigte sich ein massiver Knochendefekt. Im Anschluss wurde der Zahn reponiert (Abb. 3), mit einer palatinalen Drahtschienung (Abb. 4) am Nachbarzahn fixiert, und aus der Okklusion genommen. Dreieinhalb Monate später (Abb. 5) wurde eine erneute Röntgenaufnahme angefertigt, auf der die Knochenregeneration eindeutig zu sehen war. Aufgrund privater Termine der Patientin erfolgte die Weiterbehandlung erst sieben Monate nach der Replantation. In der angefertigten DVT-Aufnahme (Abb. 6) zeigte sich der Knochen gut konsolidiert. Die wichtige vestibuläre Knochenlamelle konnte hierbei komplett erhalten werden.

Implantation
Nachdem die Schienung gelöst worden war, konnte der bereits gekürzte Zahn ganz einfach entfernt werden (Abb. 7). Palatinal wurde das Weichgewebe mit einem Diamanten modelliert (Abb. 8). Die horizontale Reduktion diente zum besseren Einpassen der provisorischen Krone, die vertikale Reduktion zur Minimierung der zukünftigen Tasche. Anschließend wurde angekörnt (Abb. 9), um die exakte prothetisch-orientierte Implantatposition zu erreichen. Ein Implantat mit 3,4 mm Durchmesser (Xive S Plus, Dentsply Sirona) und 13 mm Länge wurde primärstabil inseriert (Abb. 10). Bei der Positionierung wurde die Implantatschulter nach dem Konzept von Dr. Ueli Grunder, Zollikon/Schweiz, ausreichend tief gelegt [2]. Somit wurde Platz geschaffen für die spätere Ausbildung der Biologischen Breite.
Die Implantatposition wurde intraoperativ mittels Omnicam (Dentsply Sirona) gescannt (Abb. 11) und an das hausinterne Meisterlabor geschickt. Während der Zahntechniker eine provisorische Sofortversorgung anfertigte, erfolgte die Augmentation des Weichgewebes [3] (Abb. 12). Hierfür wurde ein Spaltlappen vestibulär am Implantat präpariert. Das Bindegewebstransplantat wurde aus dem tiefen Gaumen entnommen. Dort ist das Gewebe zwar fett- und drüsenreicher, wird jedoch im vernarbten Empfängerbett besser aufgenommen. Eine Überdimensionierung ist in diesem Fall ratsam, da mit einer deutlichen Schrumpfung zu rechnen ist. Das Transplantat wurde in Tunneltechnik eingebracht, und mit Nähten fixiert.


Die Jumping Distance wurde zur Koagelstabilisierung und als Resorptionsschutz mit Bohrspänen und Knochenersatzmaterial (IngeniOs, Zimmer Biomet) gefüllt (Abb. 13).
Währenddessen hatte der Zahntechniker die zu verschraubende provisorische Krone fertiggestellt (Abb. 14). Sie war digital konstruiert, aus Kunststoff gefräst und auf einer Ti-Base verklebt worden. Beim Inkorporieren der Krone wurde darauf geachtet, dass keinerlei Kontakt auf dem Provisorium bestand (Abb. 15).
Nach einer Einheilzeit von sechs Monaten zeigte sich ein naturgetreues Emergenzprofil (Abb. 16). Die aktuelle Situation wurde erneut gescannt, mit der InLab Software (Dentsply Sirona) eine neue Krone konstruiert (Abb. 17), und intraoral verschraubt (Abb. 19).

Diskussion
Der Zwischenschritt Extraktion – Replantation verwandelte eine schwierige Ausgangssituation in einen idealen Sofortimplantationsfall. Natürlich muss man die verstrichene Zeit berücksichtigen, aber nachdem die Patientin immer festsitzend versorgt war, stellte dies kein Problem dar. Eine Sofortimplantation direkt in den kontaminierten Bereich erschien zu riskant, zumal die Ausdehnung des Defekts eine Primärstabilität wahrscheinlich unmöglich gemacht hätte. Eine reine Extraktion ohne gleichzeitige Augmentation wäre fatal für die vestibuläre Knochenlamelle gewesen und hätte große augmentative Maßnahmen zur Folge gehabt. Eine Extraktion mit Alveolenmanagement wäre denkbar gewesen, hätte aber eine anschließend mühsame Gewebeausformung mit sich gebracht. Somit lässt sich schlussfolgern, dass der Zeitverlust bei der in diesem Fall gewählten Vorgehensweise, verglichen mit den Alternativen, gering war und die Sofortversorgung sicher zum ästhetisch besten Ergebnis geführt hat.

Vita:
Dr. Stephanie Wirnharter MSc ist niedergelassen in eigener Praxis in Aichach. Sie ist Referentin in den Bereichen Implantologie, Parodontologie und plastische Parodontalchirurgie.

  • Ihr Studium der Zahnmedizin erfolgte in Hamburg und Freiburg; die Promotion folgte 2010.
  • 2011 absolvierte sie das Curriculum Implantologie (DGI) und wurde 2016 mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie (DGI) ausgezeichnet.
  • Den Master of Science in Implantologie und Parodontologie (DGI) besuchte sie 2018/19.
  • 2021 erfolgte die Rezertifizierung des Tätigkeitsschwerpunkts Implantologie (DGI).
  • 2022 wurde sie zum Spezialist Implantologie von der EDA ernannt.

Kontakt
Dr. Stephanie Wirnharter MSc
Augsburger Straße 6
86551 Aichach
Fon +49 8251 6565
info@dr-wirnharter.de
Instagram: @dr.wirnharter

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www.teamwork-media.de/literatur

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