Fachbericht

Prävention & Zahnerhalt

12.04.22

Muss es immer die Füllung sein?

Minimalinvasives Kariesmanagement bei Kindern

Hall-Technik, Kariesinfiltration, nichtrestaurative Karieskontrolle (NRKK), Silberdiaminfluorid

Dr. Julian Schmoeckel, Dr. Ruth M. Santamaría-Sanchez, PD Dr. Mohammad Alkilzy, Prof. Dr. Christian Splieth

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Das alte Konzept von Kariestherapie – das Entfernen von brauner, weicher Substanz und das Auffüllen mit einer Restauration – greift viel zu kurz. Die Autoren erläutern im Beitrag aktuelle minimalinvasive Konzepte im Bereich moderner, wissenschaftlich unterlegter Kariestherapieoptionen.

Die eigentliche Therapie von Karies besteht darin, das chronische Ungleichgewicht zu korrigieren, indem die Demineralisationsfaktoren reduziert und Faktoren der Remineralisation gestärkt werden [12, 14, 25]. Der Patient leistet also durch das tägliche Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta Kariesprävention und zugleich viel mehr „Kariestherapie“ als der Zahnarzt (Abb. 1), zum Beispiel mit einer Füllung. Diese Gleichgewichtsverschiebung hin zur Remineralisation ist prinzipiell durch die bekannten Maßnahmen der Kariesprophylaxe (siehe tw Wissenswert auf Seite 16) zu erzielen: Mundhygieneverbesserung und Ernährungslenkung können den Angriffsdruck der Mikroorganismen, des Substrats und der Säureproduktion reduzieren. Zugleich verbessert regelmäßige Fluoridierung die Abwehr und ermöglicht die Remineralisation sowie Inaktivierung von kariösen (Initial-)Läsionen [27]. Im Gegensatz zur Beratung und zur Therapie mit Fluoriden ist eine ausführliche Ernährungsanamnese und -beratung nur bei hoher Kariesaktivität angezeigt, zum Beispiel bei der sogenannten „Nuckelflaschenkaries“ beziehungsweise frühkindlicher Karies (siehe Abb. 1). Denn leider sind Ernährungsberatungen insbesondere zur Reduktion der Zuckeraufnahme oft wenig wirksam und Verhaltensänderungen bei der Ernährung nur schwer zu erreichen [31].

Fissurenversiegelungen
Insbesondere bei der permanenten Dentition ist die exakte und frühzeitige Dia­gnose von initialen Läsionen hochrelevant, um eine minimalinvasive Therapie wie die Fissurenversiegelung adäquat umsetzen zu können [1, 4]. In diesem Zusammenhang gilt die Fissuren- und die Grübchenversiegelung als zahnflächenspezifische Präventionsmaßnahme ­beziehungsweise Therapiemaßahme bei Initialkaries [27]. Jedoch existiert laut einem Cochrane-Review nur eine mäßige Evidenz, dass Fissurenversiegelungen einen protektiven Effekt im Vergleich zu keiner Versiegelung aufweisen, das heißt, einer Kariesinitiation vorbeugen [1]. Deswegen sollten gegenwärtig nur Fissuren und Grübchen versiegelt werden, die ein signifikantes Kariesrisiko aufweisen: zum Beispiel durchbrechende permanente Molaren bei Kindern mit erhöhter Karieserfahrung im Milchgebiss.
Als rein präventive Maßnahme stellt die Applikation von Fissurenversiegelungen bei gesunden Zähnen ohne ­nachgewiesene Kariesaktivität beziehungsweise ohne Kariesrisiko keine kosteneffektive Strategie dar [21]. Im Kasten tw Wissenswert auf Seite 17 werden die Indikationen zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an den permanenten Molaren in Anlehnung an die aktuelle deutsche S3-Leitlinie dargestellt [4]. Bevorzugt sollte laut genannter Leitlinie ein kunststoffbasiertes Versiegelungsmaterial (methacrylatbasierter Versiegelungskunststoff) genutzt werden. Die Einwirkzeit der Säure soll am unbehandelten Zahnschmelz vor Applikation des Versiegelungskunststoffs mindestens 30 Sekunden betragen, was im Vergleich zur vorherigen Leitlinie eine veränderte Empfehlung darstellt. Ist jedoch eine suffiziente Trockenlegung nicht möglich, wie in der Risikophase bei durchbrechenden ersten oder zweiten Molaren oftmals der Fall, kann auch der Einsatz von Glasionomerzement in Betracht gezogen werden (Abb. 2). Dieses Material kann auch bei Kindern mit geringer Kooperation leichter appliziert werden, hat jedoch deutlich geringere Retentionsraten und sollte daher eher als temporäre Versiegelungsoption mit dem Vorteil der Fluoridabgabe betrachtet werden [34].

Moderne „Kariesentfernung“
Der Begriff der Kariesentfernung ist etwas irreführend, weil der kariöse Prozess an sich nicht „entfernt“ werden kann. Auch wenn diese Unterscheidung banal und eher semantisch erscheint, so ist sie doch wichtig, denn die Kariesentfernung beschreibt den Vorgang der Entfernung kariöser Zahnhartsubstanz, der im Wesentlichen dazu dient, den Zahn für die spätere Versorgung, beispielsweise für eine Füllung, vorzubereiten und nicht primär – wie der Begriff suggeriert – Kariestherapie darstellt [13, 25].
Im Rahmen verschiedener Studien mit hohem Evidenzgrad wurde gezeigt, dass durch eine schrittweise, selektive (früher „partielle“ oder „unvollständige“) Kariesexkavation beziehungsweise sogar gar keine (Karies-)Entfernung (siehe Abschnitt Hall-Technik) von kariös infizierten Zahnhartgeweben im Gegensatz zur sogenannten konventionellen, kompletten Kariesexkavation signifikant mehr Zähne vital erhalten werden konnten [15]. So hat sich der Terminus „selective removal of ­carious tissue“, also die selektive Entfernung von kariösem Gewebe durchgesetzt. Bei der selektiven Entfernung wird zirkulär vollständig exkaviert, jedoch pulpennah kariöses Dentin belassen, um die Pulpa nicht zu reizen oder zu eröffnen [13, 25]. Insbesondere bei kavitierten kariösen Läsionen wird durch eine schrittweise, partielle oder gar keine Entfernung kariös infizierten Zahnhartgewebes mit anschließendem bakteriendichtem Verschluss, zum Beispiel einer Füllung oder Stahlkrone, eine Arretierung der Läsionen ermöglicht [27]. Mit diesem Vorgehen kann das Risiko einer Pulpaexposition in der primären sowie der bleibenden Dentition, insbesondere bei tiefen pulpanahen Läsionen, signifikant reduziert werden [5, 15] und ist vor allem bei Approximalkaries im Milchgebiss – oftmals auch aufgrund der Kosteneffizienz – sehr sinnvoll [9].

Kariesinfiltration und ­approximale Versiegelung
Die Kariesinfiltration mit Icon ist eine minimalinvasive Behandlung, die demineralisierte Bereiche beziehungsweise Farbveränderungen in Form von „white spots“ nach KFO-Therapie mit Brackets maskieren kann. Auch für den Approximalbereich bietet die Kariesinfiltration oder beispielsweise auch eine approximale Versiegelung bei Initialkaries ohne Kavitation eine minimalinvasive und zahnhartsubstanzschonende Behandlungsoption [6]. Hierbei wird die kariöse Läsion in verschiedenen Arbeitsschritten versiegelt [2] oder mit dem Infiltranten (Icon) versorgt und reduziert das Risiko der Kariesprogression deutlich [19], ohne dass eine Kavität präpariert oder eine Entfernung kariösen Gewebes durchgeführt werden muss. Das Produkt erfordert jedoch in der Handhabung etwas Übung.

Biomimetische Mineralisation mit Peptid 11-4
Einen hochinteressanten, neuartigen Ansatz zur Behandlung initialer kariöser Läsionen bietet die biomimetische Mineralisation mittels selbststrukturierender Peptide (Curodont Repair). Insbesondere bei bleibenden Molaren im Durchbruch sind unter anderem durch die „Schleimhautkapuze“ und Schwierigkeiten bei der Trockenlegung suffiziente Versiegelungen mit Kompositen kaum möglich [3]. Deshalb kann beispielsweise Curodont Repair genau auf diesen Risikoflächen appliziert werden, um die Remineralisation durch Einlagerung von Fluoriden zu unterstützen und so den kariösen Prozess besser zu arretieren.
In einer recht aktuellen, klinischen, randomisierten und kontrollierten Studie aus unserer Arbeitsgruppe aus Greifswald [3] mit dem Peptid 11-4 wurde gezeigt, dass diese noninvasive Maßnahme (Peptid 11-4 + Fluoridlack) eine bessere Remineralisation beziehungsweis Inaktivierung der initialkariösen Läsionen bewirkt als ein hochkonzentrierter Fluoridlack allein. Sehr ähnliche Ergebnisse wurden später noch in einigen anderen klinischen, randomisierten und kontrollierten Studien anderer Arbeitsgruppen publiziert und in einer systematischen Übersichtsarbeit zusammengefasst [33].

Hall-Technik
Ein weiterer sehr erfolgreicher Ansatz der lokalen Gleichgewichtsverschiebung im kariösen Prozess bietet die Hall-Technik, deren Erfolg mittlerweile in zahlreichen Studien mit hohem Evidenzgrad belegt werden konnte [27]. Bei einem pulpal asymptomatischen, jedoch kariösen Milchmolaren wird dabei, sehr zur Freude insbesondere der kleinen Patienten, die Läsion nicht mehr weggebohrt, sondern einfach unterhalb einer konfektionierten Stahlkrone „gefangen genommen“ und dadurch inaktiviert beziehungsweise der kariöse Prozess massiv verlangsamt. Bei der Hall-Technik wird also, bei entsprechender Indikation (siehe tw Wissenswert rechts), die konfektionierte Stahlkrone ohne vorherige Präparation, ohne Lokalanästhesie und ohne Kariesexkavation auf den Zahn zementiert (Abb. 3). Die Idee stammt von Dr. Norna Hall, einer Allgemeinzahnärztin aus Schottland [11], das Prinzip der oben vorgestellten Inaktivierungstherapie stützt sich hier auf den dichten Abschluss der kariogenen Zahnhartsubstanz von der Substratzufuhr. Dies führt zur lokalen Arretierung der kariösen Läsion. Die Erfolgsrate im Vergleich zur üblichen Füllungstherapie im Milchgebiss ist deutlich höher [24]. Neben der zugleich schnelleren Durchführung akzeptieren die Kinder den „Prinzessinnen-“ oder „Ritterzahn“ in der Regel sehr gut und schnell [23] und, im Vergleich zur konventionellen Technik der Stahlkronenapplikation, auch mit weniger Zahnbehandlungsangst [8]. Wichtig ist, dass, wie bei der Versorgung mit konventionellen Füllungen, vor der Hall-Technik eine irreversible Pulpaschädigung ausgeschlossen werden muss; wobei eine röntgenologische Untersuchung meist angezeigt ist. Es sollte zudem mit einer temporären Bisserhöhung von bis zu 3 mm, gemessen an den Frontzähnen, gerechnet werden, die in den ersten Wochen nach Applikation wieder vollständig verschwindet [8, 30]. Bei einem engen Approximalraum empfiehlt sich die Applikation orthodontischer Separiergummis (Abb. 3b) für ein bis drei Tage – mitunter kann, wie die klinische Erfahrung zeigt, auch circa eine Stunde ausreichend sein, um in einer zweiten beziehungsweise späteren Sitzung die „Hall-Krone“ leichter einsetzen zu können. Alternativ ist auch mit gleicher Erfolgsrate eine kleine approximale Separation mittels Schleifer möglich (modifizierte Hall-Technik, (Abb. 4), um sich diese zweite Sitzung zu sparen [20]. Zudem können beziehungsweise sollten die Kronen mithilfe von Zangen angepasst werden (Abb. 5).

Nichtrestaurative ­Karieskontrolle (NRKK)
Vorteil der allgemeinen, bereits vorgestellten Inaktivierung (siehe Abschnitt Primäre Kariestherapie) durch das Konzept „Zähne putzen und Fluoridierung“ (siehe tw Wissenswert auf Seite 16) ist jedoch, dass dies in der Regel nicht nur auf einzelne Läsionen, sondern auch auf das gesamte Gebiss (Patientenebene) Auswirkungen hat, da so zugleich viele Läsionen innerhalb eines Gebisses inaktiviert werden können und diese Technik somit auch für den langfristigen Erfolg in der Mundgesundheit essentiell ist [27]. Wichtig ist hierbei, dass insbesondere bei Approximalkaries die Läsionen putzbar gestaltet werden müssen. So sollte der überhängende Zahnschmelz entfernt werden (Abb. 6) und neben der Fluoridapplikation zudem bei der häuslichen Mundhygiene ein Querputzen in den Läsionen erfolgen (Abb. 7). Die Mitarbeit der Kinder in der Zahnarztpraxis muss dafür nicht besonders hoch sein, die Motivation und das Verständnis bei den Eltern zur Durchführung der Maßnahmen zu Hause hingegen schon [24]. Die Erfolgsrate nach 2,5 Jahren bei Anwendung dieser Technik (NRKK) war bei Approximalkaries an Milchmolaren bei Kindern mit deutlich erhöhtem Kariesrisiko genauso hoch wie die konventionelle Kompomerfüllung mit vorheriger Kariesentfernung (~70 %). Bei der Hall-Technik war die Erfolgsrate auf Zahnebene jedoch signifikant höher (~93 %), denn der überkronte Zahn wird besser „geschützt“. Dies ist bei adäquater Versorgung mit einer Stahlkrone selbst bei schlechter Mundhygiene und hohem Zuckerkonsum möglich, da lokal an diesem Zahn keine kariösen Prozesse mehr ablaufen werden. Insbesondere bei Patienten mit hohem Kariesrisiko beziehungsweise hoher Kariesaktivität sowie geringer Motivation zur Mundhygiene und folglich niedriger Fluoridnutzung – wie in dieser randomisierten klinischen Studie eingeschlossen – ist daher doch eine Stahlkronenversorgung bei Milchmolaren vorteilhaft [24]. Die häusliche Kariesinaktivierung kann aber auch durch die Applikation von SDF ergänzt werden [27], was die Erfolgsraten der NRKK deutlich steigert und im nächsten Abschnitt genauer erläutert wird.

Kariesinaktivierung mit ­Silberfluoridprodukten
Neben der beschriebenen Kariesinaktivierung über das tägliche Zähneputzen ist auch eine Kariesinaktivierung über die Applikation von Silberfluoridprodukten, zum Beispiel Silberdiaminfluorid (SDF), möglich und bei Kindern als optionale Kariesmanagementmaßnahme auch empfohlen [27]. In den letzten Jahren erregte insbesondere SDF unter den fluoridhaltigen Substanzen bei Forschern und Zahnärzten große Aufmerksamkeit, denn der Indikationsbereich ist recht weit gefasst (siehe tw Wissenswert links). Die Fähigkeit von SDF, die Kariesprogression in verschiedenen Stadien zu inhibieren und gleichzeitig die Bildung neuer Karies zu verhindern, unterscheidet diese Substanz von anderen Präparaten in der Kariesprävention, wie zum Beispiel Natriumfluorid (5 %) [22].
Die SDF-Lösung besteht aus Diaminsilberionen und Fluoridionen, welche den Demineralisierungsprozess und den Abbau von Dentinkollagen verhindern und zusätzlich die Remineralisation von kariösem demineralisiertem Schmelz und Dentin fördern [16]. SDF besitzt zudem antibakterielle Eigenschaften, die innerhalb der bakteriellen Mikroflora ihre Wirkung entfalten [17]. Ein kürzlich durchgeführtes systematisches Review ergab, dass SDF das Wachstum kariogener Bakterien inhibiert [35]. Wissenschaftlich wurde bereits eindeutig belegt, dass kavitierte koronale kariöse Läsionen durch die halbjährliche Applikation von 38%iger SDF-Lösung im Vergleich zur Anwendung von 5%igem NaF-Lack besser inaktiviert werden. Insgesamt wurden bereits mehr als zehn randomisierte klinische Studien veröffentlicht [10, 18], in welchen die Effektivität von SDF analysiert wurde. Des Weiteren wurden die Pharmakokinetik [32] und die Reaktion der Gingiva bei der Anwendung von SDF untersucht [7]. Zusammenfassend heißt das, dass im Rahmen dieser Studien nicht nur die Effektivität von SDF bewiesen wurde, sondern auch keine signifikanten Nebenwirkungen, außer der deutlichen, oftmals schwarzen Verfärbungen der Läsionen, bei der Anwendung dieses Produktes aufgetreten sind.
Im Jahr 2014 wurde SDF von der „US Food and Drug Administration“ zur Kariesinaktivierung und Behandlung von Zahnüberempfindlichkeit zugelassen [29]. In Deutschland wird SDF allerdings bis jetzt hauptsächlich als Desensibilisierungsmittel bei überempfindlichen Zähnen angewandt (Riva Star). Für einen kurzen Überblick sind in tw Wissenswert links die in der Forschungsliteratur [26] beschriebenen Indikationen und Kontraindikationen bei der Anwendung von SDF auf der Zahnebene zusammengefasst.
Dank diesem modernen und einfach anwendbaren, biologisch geprägten Ansatz zur Behandlung kariöser (Milch-)Zähne ist es möglich, kariöse Dentinläsionen ohne Kariesexkavation zu inaktivieren. Auf diese Weise kann sowohl die schnelle Inaktivierung als auch die Remineralisation vieler kavitierter kariöser Läsionen erreicht werden (Abb. 8), auch wenn die nötige Mitarbeit von Eltern und Kindern beim häuslichen Zähneputzen nicht erreicht wird und/oder die Kooperation für eine konventionelle restaurative Therapie auf dem Zahnarztstuhl (aufgrund von geringem Alter oder Angst) ungenügend ist. Zudem kann dadurch mitunter die ein oder andere Narkose für Zahnbehandlungen bei Kindern vermieden werden. Aktuelle Studien zeigen, dass auch das neue Produkt Riva Star Aqua, das auch angenehmer riecht, gleich wirksam ist. Jedoch sollte auf die Applikation der grünen Kapsel eher verzichtet werden, da diese zwar die Verfärbung reduziert, aber zugleich auch die Effektivität der Kariesinaktivierung verschlechtert [28].
Das Schöne an dieser Kariesmanagementmaßnahme mit SDF ist die einfache und kostengünstige Anwendung für sehr viele Zähne auf einmal (siehe Abb. 8), ­wie bei ECC [27]. Zudem sollte die SDF-Applikation nicht isoliert ­betrachtet werden, denn die durch SDF inaktivierten kavitierten kariöse Läsionen können später – sofern gewünscht und auch in Abhängigkeit von der Lokalisation der Läsion – mit einer Füllung („SMART-Technik“) oder auch mit einer Stahlkrone in der Hall-Technik („SMART-Hall“) versorgt werden (Abb. 8c). So kann die zunächst scheinbar nachteilige schwarze Färbung der kariösen Läsion maskiert werden. Dies gilt auch für den ästhetisch wichtigen Frontzahnbereich, indem diese Zähne beispielsweise noch mithilfe von Strip-Kronen versorgt werden können.
SDF kann vorübergehend Haut und Gingiva verfärben, weshalb während der Anwendung der direkte Kontakt vermieden werden sollte. Da oftmals die Kooperation der Kinder gering ist, sollten zumindest die Lippen vorher mit Vaseline eingecremt werden, um versehentliche extraorale Verfärbungen zu vermeiden, die jedoch nach ein paar Tagen wieder verschwinden.
Auch wenn dieser Beitrag primär das Kariesmanagement bei Kindern beleuchtet, so soll hier dennoch erwähnt werden, dass SDF auch in der Erwachsenen- beziehungsweise Seniorenzahnmedizin sicherlich eine wichtige Erweiterung des Therapiespektrums darstellt: So ist beispielsweise bei Wurzelkaries und/oder auch bei Pflegebedürftigkeit aufgrund der einfachen Applikation bei zugleich bestehender sehr hoher Wirksamkeit und geringen Kosten eine Anwendung in Betracht zu ziehen (siehe tw Wissenswert oben).

Meist sind Zahnärzte, bevor sie die Technik einmal selbst ausprobiert haben, etwas skeptisch, doch sobald die ersten Hall-Kronen einmal appliziert sind, steigt bei Kinderzahnärzten die Begeisterung. Daher hier noch ein paar Tipps für den Einstieg:

  • Üben Sie die Auswahl und Anpassung der Krone am Modell.
  • Schauen Sie sich im Internet Videos an, wie die Hall-Krone appliziert wird: z.B. in der Smart-Hall-Technik https://www.youtube.com/watch?v=ndxQEDw0rAM

Weitere, überaus detaillierte Informationen zur „Hall-Technik“ finden sich in der originalen Instruktionsdokumentation auf Englisch, welche online frei verfügbar ist: https://heeoe.hee.nhs.uk/sites/default/files/1311845532_nqvh_the_hall_technique_manual.pdf

  • Wählen Sie ein kooperatives Kind mit möglichst lückig stehenden Milchzähnen.
  • Bei engen Approximalkontakten sind Separiergummis empfehlenswert.
  • Wählen Sie einen UK-Milchmolaren (vor allem OK 4er sind oft deutlich schwieriger).
  • Nutzen Sie möglichst kindgerechte Begriffe (zum Beispiel Ritterzahn, Prinzessinnenzahn, Piratenzahn).
  • Zum Schutz vor Aspiration sollte das Kind eher sitzen oder leicht nach vorne gekippt liegen.

Maßnahmen in der ursächlichen, noninvasiven Kariestherapie in Anlehnung an kariespräventive Maßnahmen
Regelmäßiges und sorgfältiges mechanisches Reinigen aller Zahnflächen

  • mindestens zweimal täglich mit einer Zahnputzsystematik Zähne putzen
  • Nachputzen durch die Eltern, bis das Kind fließend Schreibschrift schreibt. Dies ist meist zwischen dem 7. und 9. Lebensjahr der Fall.

Ausreichende Fluoridierung zur Remineralisation (alters- und risikoabhängig)

  • Kinder-/Junior-/Erwachsenenzahnpasta mit 1000 – 1500 ppm Fluoridgehalt anwenden
  • zusätzliches wöchentliches Putzen mit einem hochdosierten Fluoridgel
  • (zum Beispiel 12 500 ppm Fluorid)
  • häusliche Anwendung von fluoridiertem Speisesalz
  • Applikation von Fluoridlack auf die aktiven kariösen Läsionen
  • (zum Beispiel 22 600 ppm Fluorid) beim Recall in der Praxis

Abwechslungsreiche Ernährung

  • mit wenigen täglichen Zuckerimpulsen
  • insbesondere Vermeidung von zuckerhaltigen Getränken zwischendurch

Regelmäßiger Zahnarztbesuch

  • für Kariesprophylaxe und -management
  • bei niedrigem Kariesrisiko halbjährlich
  • bei hohem Kariesrisiko vierteljährlich oder häufiger

Indikationen zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an den permanenten Molaren in Anlehnung an die aktuelle deutsche S3-Leitlinie [4]

  • kariesfreie Fissuren und Grübchen bei Patienten mit erhöhtem Kariesrisiko
  • kariesfreie Fissuren und Grübchen mit anatomisch kariesanfälliger ­Fissurenmorphologie
  • bei hypomineralisierten (zum Beispiel MIH) oder hypoplastischen Zähnen ­unabhängig vom Kariesrisiko
  • Fissuren und Grübchen bei Patienten mit Allgemeinerkrankungen beziehungsweise körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, die eine effektive tägliche Mundhygiene nur begrenzt umsetzen können.
  • partiell oder vollständig verloren gegangene Fissurenversiegelungen ­sollten bei unverändertem Kariesrisiko repariert beziehungsweise ­erneuert werden.

Indikationen und Kontraindikationen der Hall-Technik

Patientenebene
Geeignet

  • mindestens mäßige Kooperation
  • hohes Kariesrisiko (also hoher dmft)
  • ängstliche Kinder (zum Beispiel vor Spritze/Bohrer)
  • Verhaltensstörungen (z. B. ADHS) ; kurze Aufmerksamkeitsspanne
  • als Therapieoption zur Kooperationsverbesserung

Nicht geeignet

  • sehr unkooperative Kinder, aufgrund von
  • Verschluckungs- oder Aspirationsgefahr
  • der Stahlkrone
  • immunsupprimierte Kinder
  • Endokarditis-Risiko

Zahnebene
Indikationen

  • kariöse Milchmolaren ohne Anhalt auf pulpale Beteiligung
  • insbesondere bei zwei- oder mehrflächigen kariösen Läsionen (caries media)
  • Dentinbrücke im Röntgenbild (mind. 1 mm)
  • große, inaktive kariöse Defekte
  • hohe Kariesaktivität
  • fehlende Höcker, frakturierte Milchmolaren
  • Aufbau infraokklusaler Milchmolaren
  • Zähne mit Anomalien der Zahnstruktur (zum Beispiel ­hypomineralisierte „Milchmolaren“)

Kontraindikationen

  • caries profunda mit dem Risiko pulpaler ­Komplikationen
  • Zeichen einer irreversiblen Pulpitis (Spontanschmerz, andauernder Schmerz)
  • Pulpanekrose
  • Fistel, Abszess
  • apikale bzw. interradikuläre Aufhellung
  • pathologische Wurzelresorption

Indikationsstellung bei der Anwendung von Silberdiaminfluorid (SDF) auf Zahnebene
Indikation

  • aktive (kavitierte) kariöse Läsionen auf jeder koronalen Oberfläche von Milchzähnen oder bleibenden Zähnen
  • Zähne ohne pulpale Beteiligung

Kontraindikation

  • caries profunda mit dem Risiko pulpaler Komplikationen
  • irreversible Pulpitis
  • Pulpanekrose, Fistel, Abszess
  • apikale bzw. interradikuläre Aufhellung oder ­pathologische Wurzelresorption

Wichtigste Vor- und Nachteile von Silberdiaminflourid (SDF)
Vorteile

  • einfache und schnelle Anwendung
  • sehr viele kariöse Zähne sind in einer Sitzung behandelbar.
  • keine umfangreiche Ausrüstung erforderlich, d. h. die Anwendung kann auch in Schulen, Pflegeheimen usw. erfolgen.
  • Vermeidung von Narkosebehandlungen möglich oder zumindest ­Reduktion der Kariesprogression bei Patienten, bei denen eine ­Zahnsanierung unter Narkose geplant ist.
  • schnelle Kariesinaktivierung
  • hohe Wirksamkeit, auf höchster Evidenzstufe wissenschaftlich belegt
  • kostengünstig

Nachteile

  • Schwarzfärbung, daher eher nicht ästhetisch
  • Akzeptanz der Eltern für die Nutzung des Produkts ist abhängig von der Zahnregion und Kooperation des Kindes.
  • Das in Deutschland verfügbare Produkt ist nicht für die Kariesbehandlung zugelassen, nur für die Desensibilisierung. In anderen Ländern ist ­dasselbe Produkt jedoch zur Kariestherapie zugelassen.
  • Kostenübernahme nicht durch Krankenversicherung abgedeckt.

Fazit
Der kariöse Prozess kann in jedem Stadium – unabhängig davon, ob es sich um eine initiale Läsion oder eine tiefe Dentinkaries handelt – inaktiviert werden, wodurch die primäre Kariestherapie über die bekannten Maßnahmen „Zähne putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta“ und „Vermeidung von Zuckerabusus“ realisiert werden kann.
Infiltrationstechniken sowie die biomimetische Mineralisation erweitern das gegenwärtige Behandlungsspektrum (unter anderem Versiegelungen und Fluoridlackapplikationen) für die Behandlung von Initialkaries.
Selektive Kariesexkavationstechniken vor einer Füllung verbessern im Gegensatz zur vollständigen Kariesexkavation die Chance auf den Vitalerhalt der Zähne deutlich, dies gilt vor allem für tiefe Läsionen (caries profunda).
Im Milchgebiss sollten neben der konventionellen Füllung unbedingt alternative Kariesmanagementoptionen in Betracht gezogen werden. Dazu zählen die Hall-Technik und die nichtrestaurative Karieskontrolle (NRKK), die beispielsweise auch durch die Applikation von Silberdiaminfluorid (SDF) unterstützt werden kann. Diese Methoden sind deutlich einfacher in der Handhabung, erfahren eine höhere Akzeptanz durch die Kinder und weisen (insbesondere die Hall-Technik) Erfolgsraten auf, die der konventionellen Füllung deutlich überlegen sind.

Dr. Julian Schmoeckel MSc ist Oberarzt der Abteilung für präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Universitätsmedizin Greifswald. Er fungiert unter anderem als klinischer und wissenschaftlicher Betreuer beim Master of Science Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald. Zudem ist er Autor zahlreicher nationaler und internationaler Fachpublikationen sowie Fortbildungsreferent mit den Schwerpunkten Kariologie und Kinderzahnheilkunde.

  • Er absolvierte das Studium der Zahnheilkunde an den Universitäten Greifswald und Helsinki (Finnland), sowie das postgraduale Masterprogramm Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald.
  • Die Promotion erfolgte auf dem Gebiet der Kariesepidemiologie.
  • Zudem erhielt er die Zertifizierung in zahnärztlicher Hypnose und hypnotischer Kommunikation durch die DGZH.

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