Fachbericht

Alterszahnheilkunde

25.10.21

Studenten für die Senioren­zahnmedizin sensibilisieren

Neue Wege in der universitären Ausbildung

Dr. Marc Auerbacher

Nachfolgend berichtet Dr. Marc Auerbacher, wie Zahnmedizin­studierende der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Ludwig-Maximilians-Universität München auf den Umgang mit der immer älter werdenden Gesellschaft vorbereitet werden.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im Dezember 2017 in Deutschland 3,41 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflege­versicherungs­gesetzes (SGB XI). Laut Prognosen wird bis zum Jahr 2030 mit einem Anstieg der Pflegebedürftigkeit um 35 Prozent gerechnet. Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) aus dem Jahr 2016 hat gezeigt, dass bei Menschen mit Pflegebedarf die Mund­gesundheit im Vergleich zur altersgleichen Gruppe der älteren Senioren ohne Pflegebedarf kompromittiert ist.
Häufige Alterserkrankungen, wie zum Beispiel Demenzerkrankungen oder Morbus Parkinson, bei denen das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Lebensalter steigt, wirken sich in der Regel auch negativ auf die Mundhöhle aus. Unter anderem wird infolge nachlassender motorischer und kognitiver Fähigkeiten die Zahn- und Mundgesundheit stark vernachlässigt und somit speziellen Munderkrankungen, wie beispielsweise einer chronischen Parodontitis oder Karies, Vorschub geleistet. Das Risiko für Karies-, Parodontal- und Mundschleimhauterkrankungen ist bei dieser Patientengruppe überdurchschnittlich hoch. Es kann zu Schmerzen und Zahnverlust kommen. Chronische Entzündungsherde im Mund können aber auch einen Risikofaktor für die Entwicklung einer Pneumonie bei älteren und pflege­bedürftigen Menschen darstellen, die nach Auskunft des Bundesministeriums für Gesundheit als die häufigste zum Tode führende Infektionskrankheit gilt.

Seniorenzahnmedizin kein obligatorischer Studieninhalt
Trotz dieser alarmierenden Zusammenhänge sind der professionelle Umgang mit multimorbiden und polypharmazierten Patienten und deren zahnärztliche Betreuung in der studentischen Ausbildung nach wie vor kein obligatorischer Lehr­inhalt. In der alten Approbationsordnung für Zahnärzte aus dem Jahr 1955 taucht das Fach Seniorenzahnmedizin nicht auf. Demzufolge ist es auch kaum verwunderlich, dass sich 76,3 Prozent aller Studierenden in Deutschland nicht ausreichend in der Seniorenzahnmedizin ausgebildet fühlen. Eine spätere Tätigkeit in der Senio­renzahnmedizin ist für nur fünf Prozent der Zahnmedizinstudenten vorstellbar. Dies geht aus der Generation-Y-Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) hervor. Im beruflichen Alltag führt dies dazu, dass die Absolventen im Umgang mit älteren und pflegebedürftigen Patienten unsicher sind, weil es im Studium keine Berührungspunkte mit dieser vulnerablen Patientengruppe gab.

Fachspezifisches Assessment
Bereits zum fünften Mal in Folge fand in Kooperation mit dem Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin am Klinikum der LMU München und unter Leitung von Priv.‑Doz. Dr. Michael Drey, Bereichsleiter der Akutgeriatrie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV am Klinikum der LMU München, das „Inter­professionelle geriatrische Assessment im Pflegeheim“ (IgAP) statt. Bei dieser Veranstaltung haben Studenten der Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie sowie Schüler der staatlichen Berufsfachschule für Krankenpflege die Möglichkeit, Bewohner des „Münchenstifts“ mit einem fachspezifischen Assessment zu untersuchen und ihre Untersuchungsergebnisse sowie Handlungsempfehlungen im multidisziplinären Team zu diskutieren.
Im Fall der Zahnmedizinstudenten be-deutet dies, dass mithilfe eines Untersuchungsbogens verschiedene extra- und intraorale Befunde erhoben werden. Die Studenten sollen sich ein Bild der aktuellen Mundhygienesituation des Bewohners verschaffen und vorhandenen Zahnersatz bezüglich Funktionalität und Hygienezustand beurteilen. Auf dieser Grundlage wird anschließend eine Behandlungsempfehlung erstellt. Neben einem Behandlungskonzept soll diese auch konkrete Vorschläge für die Umsetzung eines individuellen Mundhygiene­plans enthalten.
Die Ergebnisse werden zunächst in Kleingruppen fächerübergreifend mit den Teilnehmern aus den anderen Disziplinen diskutiert. Im Vordergrund steht dabei der interkollegiale Austausch innerhalb des Teams. Die Teilnehmer sollen erfahren, wie wichtig die Kommunika­tion und der Informationsaustausch mit anderen Berufsgruppen im Hinblick auf das gemeinsame Behandlungsziel, nämlich die bestmögliche (zahn)medizinische Versorgung des pflegebedürftigen Patienten, sind. Im Anschluss werden die ausgearbeiteten Handlungsempfehlungen im Plenum vorgetragen. Ein Experte aus den jeweiligen Professionen (Geriater, Zahnarzt, Pharmakologe, Lehrkraft für Pflegefachberufe) kommentiert die vorgetragenen Assessmentergebnisse. Anschließend werden Problemstellungen identifiziert, und es wird gemeinsam über Lösungsvorschläge debattiert.
Auch die Pflegeeinrichtung profitiert von der Veranstaltung: Eine anwesende Pflegefachkraft dokumentiert die Ergebnisse und gibt diese an die zuständigen (Zahn-)Ärzte vor Ort weiter beziehungsweise vermittelt im Bedarfsfall einen Untersuchungstermin für den Bewohner. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist für Zahnmedizinstudenten bislang fakultativ und ab dem Klinischen Semester möglich.
Die Auswertung der Evaluationsbögen macht deutlich, dass bei einem Großteil der Teilnehmer im Vorfeld vorhandene Berührungsängste durch den Projektnachmittag abgebaut werden können, sodass sich ein Bewusstsein für die zahnmedizinischen Sorgen und Nöte pflegebedürftiger Menschen entwickelt. Das Interesse, im Bereich der Seniorenzahnmedizin tätig zu werden, wird dadurch geweckt (siehe Grafik auf S. 328).

Blick über den Tellerrand
Der Blick über den Tellerrand zeigt, dass der demografische Wandel auch an anderen Universitäten im In- und Ausland immer mehr Berücksichtigung in Lehre und Ausbildung findet. So praktiziert beispielsweise die Klinik für Allgemein-, Behinderten- und Seniorenzahnmedizin in Zürich die Ausbildung angehender Zahnärzte in der Seniorenzahnmedizin seit einigen Jahren erfolgreich mit „mobiDent“, einer mobilen Zahnarztpraxis. Regelmäßig werden damit Pflegeheime aufgesucht. Vor Ort werden die mobilen Behandlungseinheiten aufgebaut und die Heimbewohner von Studenten unter fachkundiger Aufsicht behandelt. Auch wird in der Schweiz im Unterschied zu Deutschland das Fach Seniorenzahnmedizin an allen Universitäten unterrichtet und im Staatsexamen geprüft.
An der Privatuniversität Witten/Her­decke ist die Ausbildung in der zahn­medizinischen Behandlung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf bereits seit vielen Jahren fester Bestandteil im zahnmedizinischen Curriculum. Zum Staatsexamenszeugnis erhält jeder Student ein Zertifikat, das die Ausbildung in dieser Fachdisziplin bestätigt. Darüber hinaus ist die Zahnklinik der Universität Witten/Herdecke die einzige Universitätszahnklinik in Deutschland mit einem Stiftungslehrstuhl für Behindertenorientierte Zahnmedizin.

Innovatives Lernformat
Im Jahr 2015 wurde der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Zahnmedizin (NKLZ) vorgelegt. Er definiert Kompetenzen, die sich am Berufsbild des Zahnarzts orientieren und die nach Abschluss des Studiums vorliegen sollen. Er versteht sich als kompetenzbasiertes Kerncurriculum und hat Empfehlungscharakter.
Auf seiner Basis können die fakultären Curricula überarbeitet und weiterentwickelt werden. Der NKLZ enthält unter anderem auch Kompetenzziele, die darauf abzielen, den Umgang mit vulnerablen Patientengruppen zu erlernen. Leider können die formulierten Lernziele im Rahmen des regulären Lehrangebots aus Zeitgründen häufig nicht abgebildet werden.
Ein innovatives und interaktives Lernformat, das sich zeitlich und räumlich unabhängig von Lehrveranstaltungen nutzen lässt, bietet die Virtuelle Hochschule Bayern (VHB) an. Seit dem Wintersemester 2018/2019 gibt es an der Poliklinik für Zahn­erhaltung und Parodontologie der LMU München in Kooperation mit der VHB den Online-Kurs „Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung“. Die Teilnahme ist für Studenten im Klinischen Semester verpflichtend. Inhaltlich werden Themen wie zahnärzt­liche Präventions- und Therapiekonzepte abgehandelt, aber auch rechtliche Aspekte in der Behandlung von Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgezeigt. Videoaufnahmen aus dem Behandlungsalltag veranschaulichen, welche verhaltensführenden Techniken zum Einsatz kommen können, damit eine Behandlung in der für betrof­fene Patienten oft angstbesetzten Situa­tion überhaupt möglich ist. Zum Bestehen des Kurses ist der erfolgreiche Abschluss einer Online-Klausur Voraussetzung.
Zudem bietet die Poliklinik für Zahn­erhaltung und Parodontologie der LMU München eine einsemestrige Vorlesung zur Seniorenzahnmedizin und Behinderten­orientierten Zahnmedizin an. Darüber hinaus besteht für Studierende die Möglichkeit, bei der Behandlung von Menschen mit Behinderung zu hospitieren und somit eine Behandlungssituation „live“ zu erleben.

Handlungskompetenzen vermitteln
Die Implementierung und die Förderung von Konzepten zur universitären Ausbildung von Studierenden auf dem Gebiet der zahnmedizinischen Versorgung von Menschen, die einer besonderen zahnmedizinischen Fürsorge bedürfen, müssen konsequent vorangetrieben werden. Im Vordergrund stehen sollte nicht nur die Vermittlung theoretischer, sondern insbesondere auch praktischer Handlungskompetenzen. Nur wenn die Hochschulen der Pflegezahnmedizin die notwendige Relevanz einräumen, besteht Hoffnung, dass die Zahnmedizinabsolventen im Berufsalltag einen professionellen Zugang zu diesen Patienten finden. Mit dem im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Para­grafen 22a SGB V hat sich die Abrechnungssituation für die aufsuchende Betreuung von Pflegebedürftigen verbessert und kann deshalb auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht interessant sein. Dies sollten zukünftige Zahnärzte bei ihren Überlegungen für ein erfolgreiches und sozialverträgliches Praxismodell berücksichtigen.

Weiterführende Literatur unter www.teamwork-media.de/literatur

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